Vom Kleinen Mäuseschwänzchen

Angelika Traub (AT): Lieber Dieter, das letzte Mal hatten wir uns »Großes« vorgenommen in Gestalt eines beeindruckenden Pflanzenriesen mit sanftem Gemüt. Wir werden ja sehen, ob unsere gemeinsamen Lobeshymnen dazu führen, dass der schöne Orient-Knöterich hierzulande Freunde findet. Zu wünschen wär's! Noch sammelt er seine Kräfte für den Spätsommerauftritt, und die Beete bei Euch auf der Jungviehweide lassen die künftige Staudenpracht zwar schon ahnen, geben den Blick aber auch noch für kleine, zartere Geschöpfe frei. Ich hab' eines entdeckt, das mir tatsächlich das erste Mal in meinem pflanzenbegeisterten Leben begegnet. Erzähl, was ist das für ein niedliches Zwerglein, das uns hier seine zierlichen Blütenkerzen entgegenreckt?

Dieter Gaißmayer (DG): Du wirst es nicht glauben, mit ihm hat es tatsächlich eine ganz besondere Bewandtnis. Das ist nämlich das Kleine Mäuseschwänzchen (Myosurus minimus), dem ich seit nunmehr 41 Jahren in Freundschaft verbunden bin, also seit der Gründung unserer Gärtnerei. Als wir damals die ehemalige Krankenhausgärtnerei übernommen haben, ließ es sich bereits als diskreter Gast an freien Stellen auf den Gemüsebeeten sehen. Wir mochten es immer sehr und haben in all den Jahren stets dafür Sorge getragen, dass es uns als Dauergast erhalten bleibt.

AT: Was hat es denn für einen Lebenszyklus, es scheint ja ein echter Frühaufsteher zu sein? Ist es eine Staude? Wie es zu seinem Namen kam, ahne ich jedenfalls schon mal.

DG: Genau, schau Dir die Pflänzchen an, dann erkennst Du deutlich, wie es zu seinem Namen kam: Der Blütenboden bleibt noch lange nach Absterben der Blätter erhalten und sieht aus wie ein Mäuseschwänzchen.

AT: Dann ist es vermutlich keine Staude?

DG: Nein, es gehört zu den Einjährigen und lässt sich problemlos in Natur- und Ziergärten ansiedeln, ohne je lästig zu werden. Es kommt von Skandinavien bis ins südliche Europa und Nordafrika vor. Auch in Vorderasien und dem östlichen Nordamerika findet man Bestände, aber in Bayern und Baden-Württemberg ist es sehr selten geworden, in Österreich vermutlich sogar schon ausgestorben. Interessant finde ich, dass es, wohl bedingt durch den Klimawandel, sein Verhalten verändert hat! Wir beobachten, dass dieses herzige Kleinod den Winter nun oftmals in Form eines grünen »Rasens« überdauert, aus dem sich bereits ab April die kleinen »Mäuseschwänzchen« mit Blüten erheben, die bald darauf in braune Samenstände übergehen. Dann schließt sich eine zweite Wachstumswelle an, entweder ausgelöst durch im Herbst noch nicht gekeimtes oder auch neu ausgesätes Saatgut. So kann man sich bis Mai/Juni über blühende Pflänzchen freuen.

AT: Aber sicher muss man darauf achten, den richtigen Platz zu finden, damit es nicht von wüchsigen Nachbarn überwallt wird, wie macht Ihr das hier?

DG: Bei uns tummelt es sich vielerorts in den Mutterpflanzenquartieren, gern sucht es sich Plätze zu Füßen der Pfingstrosen und der Sonnenbräute, aber auch spät austreibende Gräser, wie Chinaschilf oder Rutenhirse bieten ihm Obdach. Und auch für Insekten ist es trotz seiner Zierlichkeit von Interesse. Winzige Zweiflügler, Käfer und Schlupfwespen sind die häufigen Blütenbesucher. Die Samen reifen von Mai bis Oktober und sind viele Jahre keimfähig.

AT: Überlasst Ihr es denn dem Zwerglein, wie und wo es sich ansiedelt, oder steuert Ihr das auch ein wenig?

DG: Na ja, wir lassen es schon weitgehend herumflanieren, wo es ihm gefällt, aber es ist uns auch ein Anliegen, für die Verbreitung dieses liebgewonnenen kleinen Kerlchens zu sorgen.
Der gemeinnützige Verein »Förderer der Gartenkultur« hier auf der Illertisser Jungviehweide hat es, wie viele andere seltene und bedrohte Pflanzen, in seine Obhut genommen, bringt das Saatgut unter die Leute und sorgt so dafür, dass unsere Mäuseschwänzchen in möglichst vielen Gärten ein neues Zuhause finden.

AT: Dank Dir, lieber Dieter für all die Info, je länger ich es mir anschaue, umso herziger finde ich das – oder besser die – »Mäuseschwänzchen«. Es soll auch in meinem Garten eine Chance bekommen!


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Text: Angelika Traub / Dieter Gaißmayer
Fotos: Dieter Gaißmayer / Staudengärtnerei Gaißmayer