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Hänse Herms (1898-1973): Staudengärtnerin aus Passion


Marion Heine – im Herzen der Holsteinischen Schweiz

Wenn Marion Heine verreist – und das macht sie gern – dann fragt man sie oft genug, wo das denn sei, dieses »Plön«, und warum sie dort wohne. Und sie antwortet: Die Stadt ist umgeben von Seen, liegt quasi auf einer Insel, sie ist das Herzstück des Naturparks Holsteinische Schweiz. Die Region nahe der Ostsee ist ungemein reizvoll: Plön hat ein Renaissance-Schloss (heute Fielmann-Akademie) und historische Gärten. Die Umgebung ist herrlich für Naturliebhaber, für Segler, Botaniker und Gärtner. Die Aktion »Offener Garten Schleswig-Holstein & Hamburg« wurde hier gegründet. Nicht weit entfernt liegen die Orte Bad Malente, Eutin, Lübeck und Kiel. Es ist eine Gegend, die sich, wegen der vielen Herrenhäuser, auch gern der »Grafenwinkel« nennt.


Marion Heine, © Foto Marion Nickig

Marion Heine ist Architektin (Dipl.-Ing. FH im Hochbau). Gestalterische Themen faszinierten sie schon immer. Vor Jahren schon hat sie einen ganz neuen Weg eingeschlagen: hin zur Natur, zu Menschen die Gärten lieben, sie anlegen und pflegen, zu einem Personenkreis der Garten- und Baukultur schätzt, zu Menschen die altersunabhängig immer neugierig geblieben sind, die gerne in diesen Themenbereichen reisen. Marion Heine ist Gartenreiseleiterin seit dem Jahr 2005. Sie ist Vorstandmitglied der bundesweit organisierten Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V. und gründete eine der regionalen Gruppen, in der Gartengesellschaft »Zweige« genannt, in Schleswig-Holstein. Darüber hinaus ist sie garten- und kulturgeschichtlich aktiv. Sie erforscht die Lebenswege vergessener »Foersterianer« oder Biografien von Frauen im Gartenbau. Ihre Forschungsergebnisse hat sie in einer Reihe von Aufsätzen und Vorträgen veröffentlicht. Marion Heine ist Jahrbuch-Autorin der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde im Kreis Plön e.V., Natur- und Landschaftsführerin sowie Stadtführerin in Plön.

www.heine-gartenprojekte.de







Aus der Gärtnerei Herms in Ostholstein besonders bekannt ist bis heute die Rutenhirse (Panicum virgatum) Hänse Herms. Der Staudenzüchter Ernst Pagels aus Leer in Ostfriesland, der wie Hänse Herms »Foersterianer« war, hatte sich zu Beginn der 1990er Jahre bei der Benennung dieses Gräser-Kultivars durchgesetzt. Schon 1985 benannte eine in der Gärtnerei Herms entstandene und von ihm vermehrte und vertriebene grüne Silberkerze (Cimicifuga) nach der Ausnahmegärtnerin, deren Leben und Wirken ihn so lange begleitet hatte: Cimicifuga simplex 'Frau Herms'. Es war ihre Arbeitsweise, die antroposophische Sichtweise auf die Pflanzenwelt, die Herms und Pagels miteinander teilten. So kamen auch bei Herms nie Gifte und Spritzmittel zum Einsatz. Gärtnerei, das hieß bei Hänse: immer fürsorglich sein, denn heranwachsende Pflanzen sind mit Kindern vergleichbar. So bestimmte Handarbeit das Gärtnereileben im ostholsteinischen Eutin noch bis Anfang der 1970er Jahre, zu einer Zeit, da sich die Welt der Gärtnereien längst in Richtung Rationalisierung und hin zu »Masse statt Klasse« ausrichtete.

Eine Dokumentation über die Staudengärtnerei Herms und das bewegte Leben der Hänse Herms gelangte erstmals 2010 an die Öffentlichkeit und löste in Gartenkreisen große Anteilnahme aus:

Hänse Wagner, ca. 20 Jahre

Hänse Wagner wird am 27. Mai 1898 in Marienwerder/Westpreußen als sechstes und letztes Kind einer Färbereibesitzerfamilie geboren. Ihre gärtnerische Ausbildung erhält sie von 1915 bis 1917 in der Lehrgärtnerei Scherpingen bei Sobbowitz, südlich von Danzig. Es ist eine der frühen gärtnerischen Ausbildungsstätten für Frauen, gegründet von Ella Foerster, einer Cousine des deutschen Staudenzüchters Karl Foerster. Durch Ella Foerster, die ihrerseits eine Schülerin von Hedwig Heyl (Berlin) ist, kommt die Junggärtnerin Hänse in Kontakt mit deren Cousin Karl in Bornim. Hänses Zeit in Scherpingen folgt jedoch zunächst eine Anstellung als Gutsgärtnerin auf dem pommerschen Gut Jassen, einem Besitz von Kuno Graf Dürckheim von Montmartin. Angeregt durch die Gräfin, die sich für die neuartigen Bücher und Schriften sowie Staudenkonzepte Karl Foersters interessiert, ergibt sich für Hänse ein aktiver Austausch mit diesem. 1916 begegnen sich Hänse Wagner und Karl Foerster in Bornim erstmals persönlich. Für Hänse ist das ein Schlüsselerlebnis, der fruchtbare Keim für eine enge und freundschaftliche Beziehung, die Hänse und ihr späterer Ehemann Ludwig mit Karl und Eva Foerster ein Leben lang pflegen.

Hänse Herms, 1936

Zwei Jahre später, zum Ende des Ersten Weltkriegs, sucht Karl Foerster Arbeitskräfte und stellt Hänse Wagner als Staudengärtnerin für Vermehrungs-und Versandaufgaben ein. Es ist eine prägende Zeit für die junge Frau, die 1920, nach der Heirat mit dem aus Hamburg stammenden Kunstmaler Ludwig Herms, das Wagnis eingeht, gemeinsam mit ihrem Mann eine Staudenversandgärtnerei nach Foerster'schem Vorbild auf dem ostholsteinischen Gut Bundhorst (bei Aschenberg) zu gründen: die Bundhorster Staudenkulturen. Unter der Anleitung Hänses erlernen auch hier wiederum Frauen ihr Handwerk. Der gärtnerische Autodidakt und Kunstmaler Ludwig Herms kann sich zeitgleich einen Ruf als versierter »Steingartenexperte« erarbeiten.

Eine der ersten (überhaupt möglichen) Prüfungen für Frauen zur »Gärtnermeisterin« legt Hänse Herms 1927 in Kiel ab. Das Ausbildungsarchiv der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein in Ellerhoop-Thiensen führt sie als die erste Meisterin im Gartenbau in Schleswig-Holstein. Ihre Fähigkeit, Lehrlinge anzuleiten und ihnen eine fundierte Ausbildung in der Staudenkultur zu bieten, begründet Mitte der 1930er Jahre den guten Ruf als Ausbildungsbetrieb des zu diesem Zeitpunkt schon nach Eutin übergesiedelten Unternehmens.



Käte Haag, Tochter des Stuttgarter Gartenarchitekten Adolf Haag und Gartenarchitektin, lernt vor ihrem Studium bei Herms. Nach dem Tod ihrer Lehrmeisterin Hänse Herms im Jahr 1973, widmet sie ihr einen eindrücklichen Nachruf. Auch Edith Dudszus macht ihre Gärtnerlehre bei Herms. Als Gärtnermeisterin an der Gartenbauschule Ahlem bei Hannover sind Dudszus' Leistungen noch heute unvergessen. Bekannt und beliebt ist bis heute das Moor-Pfeifengras (Molinaria caerulea) 'Edith Dudszus' (Züchter: Dudszus/Eskuche). Ein leitender »Kopf« für die Staudengärtnerei Herms ist nach dem II. Weltkrieg der aus Ostpreußen vertriebene Konrad Graf Finckenstein. Wie Hänse ein waschechter »Foersterianer«, gehört er zeitlebens zum engen Freundeskreis von Karl und Eva Foerster.

Sprechen wir von Hänse Herms, so darf ein Hinweis auf ihre floristische Begabung nicht fehlen: Naturhafte Sträuße aus Staudenblüten, Farnen, Zweigen und Gräsern arrangiert sie zu einer Zeit, in der dafür eigens angezogene oder meist importierte Schnittblumen wie Nelken, Rosen oder Freesien – in Kombination mit dem üblichen Bindegrün – angesagt sind. Auf den deutschen und später internationalen Gartenschauen der Nachkriegszeit, bei denen die Eutiner »Staudengärtnerei Ludwig Herms« von 1951 bis Anfang der 1970er Jahre regelmäßig (und mit vielen Auszeichnungen) vertreten ist, lobt man sie für ihren neuartigen Ansatz. Der begabten Herms-Enkelin Katrin Ullmann senkt sich die Pflanzenliebe ihrer Großmutter ins Herz und hat sie zu einer künstlerischen Laufbahn inspiriert. Heute lebt sie als Botanische Malerin in Ernen (Wallis/Schweiz).


Folgende, bis heute erhältliche Pflanzen, wurden nach Hänse Herms benannt:


Raimund Herms, der Sohn von Hänse und Ludwig Herms, war ein bekannter Garten- und Landschaftsarchitekt mit Büros in Berlin und Hamburg. Er starb 2014. Seinem bewegten Leben können wir auf dem Internet-Portal Hamburger Persönlichkeiten nachspüren. Von den vier Kindern des Paares Hänse und Ludwig Herms lebt heute nur noch die jüngste Tochter Isa (Brahe) in Essen.

Das Charisma der 1898 geborenen Johanna (Hänse) Herms, geborene Wagner, deren Begabung und große Schaffenskraft den Aufbau der Staudengärtnerei Herms maßgeblich prägte, ist bis heute unvergessen. Als vierfache Mutter und berufstätige Gärtnerin hat sie den für die damalige Zeit überaus schwierigen Balanceakt unternommen, Familie und Beruf zu vereinen.
Die allein auf ihren Ehemann ausgerichtete Namensgebung »Staudengärtnerei Ludwig Herms«, welche sich auf allen Preislisten und Katalogen der Gärtnerei wiederfindet, lässt die Anwesenheit der Staudengärtnerin und geliebten »Foersterianerin« Hänse Herms aber schmerzlich vermissen.


Plön, im Februar 2021





Wer tiefer ins Thema einsteigen will, dem sei dieser Text empfohlen. Er erschien 2016 als Sonderdruck anlässlich der Ausstellung »Gartenjuwelen« im Ostholstein-Museum in Eutin (erstmals publiziert in der Mitgliederzeitschrift »Der Staudengarten« der Gesellschaft der Staudenfreunde, Ausgabe 4/2012):

PDF Ein Leben für die Stauden – Hänse und Ludwig Herms in Holstein. 1920-1973

 

Literatur

  • Marion Heine: Ein Lebensweg für die Stauden. Die Geschichte der Staudengärtnerei Herms in Ostholstein, in: Jahrbuch für Heimatkunde Eutin 2010, 44. Jg. (Teil I, S. 141–197) und Jahrbuch für Heimatkunde Eutin 2011, 45. Jg. (Teil II, S. 228–274), (Hrsg.) Heimatverband zur Pflege und Förderung der Heimatkunde im Eutinischen e.V., Eutin. ISBN 1866-2730

 

  • Konrad Graf Finckenstein: Pflanzen für einen naturbildhaften Garten. Zum Lebenswerk von Ludwig und Johanna Herms; in: Garten und Landschaft, Heft 6, 1974, S. 312-315

  • Käte Haag-Meguid: Die Lehrmeisterin; in: Garten und Landschaft, Heft 6, 1974, S. 315



Kataloge
Archivportal European Nursery Catalogues (Englisch)
Unter „H" zu finden: die bereits digitalisierten Kataloge Herms


Gastbeiträge
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Text: Marion Heine
Fotos: Archiv Marion Heine
Fotos: Portrait Marion Heine: © Marion Nickig