Ängste im Garten?
Versuch über ein heikles Thema der Gartenkultur

Der Lyriker Jan Wagner hat bisher ein halbes Dutzend Gedichtbände veröffentlicht, mehrere Essaybände, einige große Lyrikanthologien, Hörspiele, zudem viele Übersetzungen aus dem Englischen. Er wurde mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet, ist Mitglied der wichtigen Akademien der Künste, ein gefragter Gesprächspartner für Literatursendungen und kulturelle Gesprächsrunden.

Zahlreiche seiner Gedichte haben eine Pflanze oder ein Tier, überhaupt die Wahrnehmung von Naturphänomenen zum Thema. Jan Wagner wohnt seit vielen Jahren in Berlin-Neukölln, mitten in der brodelnden Großstadt, aber über Wahrnehmungen in einem Garten hat er immer wieder geschrieben. Sein Gedichtband »Regentonnenvariationen«, 2014 erschienen, für den er mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde – bisher die einzige damit prämiierte Lyrikveröffentlichung –, beginnt mit einem Garten-Gedicht, einem virtuosen poetischen Kunststück über – den Giersch:

giersch *

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt seine Kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt, hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

 

Das Gedicht ist äußerst kunstvoll gebaut, in der abgewandelten Form des ehrwürdigen Sonetts, es veranstaltet ein Spiel mit den traditionellen Vorgaben für Versgestalt und Reime (hier sehr kühne, sogenannte unreine Reime), mit dem Klang der Wörter. Der unter Gärtnerinnen und Gärtnern verfemte Giersch wird nicht nur als weißer Doldenblütler aufgerufen, der den Boden mit seinen »gierschBotschaften« der wuchernden Rhizome durchzieht, den ganzen Garten unterwandert. Sondern das gefürchtete Überhandnehmen des »keuschen Unkrauts« geschieht im Text selbst: Schließlich übernimmt gleichsam das Wort »giersch« die Verse, verdrängt in den Schlusszeilen alle anderen möglichen Reimwörter, »verschlingt« den aufgerufenen Garten, indem der Name der Pflanze die letzten Zeilen regelrecht überwuchert.

Zu Recht ist dieses Gedicht als eines der grandiosesten Wortkunstwerke des Sprachartisten Jan Wagner gerühmt worden. Aber was stellt es denn eigentlich mit seinem kunstreichen Wortlaut vor Augen? Das gefürchtete Überhandnehmen der Wucherpflanze, ja, aber auch noch mehr: nämlich den »Kontrollverlust« im Garten. Der Giersch, dessen »Gier« danach, alles andere zu beherrschen, schon in der ersten Strophe aufgerufen wird, erscheint als der Tyrann mit scheinbar unschuldig-weißer Blüte, er übernimmt im Garten die Regie, indem er »überall sprießt«, so dass schließlich »nichts als giersch« im Garten übrigbleibt.

Das heißt: Wagners Gedicht entwirft, in »poetischer Übertreibung«, den Alptraum (fast) jeder Gärtnerin, jedes Gärtners – den von einer scheinbar harmlosen Pflanze bewirkten Verlust der gärtnerischen Regie über das Wachsen, Gedeihen, Blühen. Damit rührt der auf den ersten Blick spielerisch kunstfertige Text an eine Grundbedingung des Gärtnerns überhaupt: an die sorgsame, hegende und pflegende Beherrschung der natürlichen Kräfte und Triebe, an das Arrangieren einer menschlichen Wünschen und Vorstellungen gehorchenden Gestaltung von »schöner Natur«, damit eben auch an die naturgegebene Gefährdung dieses Arrangements, dieser Beherrschung.

Denn wir alle wissen es: ein Garten ist ohne Arbeit nicht zu haben. Die Versprechungen des »lazy gardening« erweisen sich nur zu oft als Täuschungen, und die verzweifelten Ansätze, mit modischen »Kiesgärten« die Freiräume ums traute Heim »arbeitsfrei« ansehnlich zu halten, verlangen nach einiger Zeit auch unerbittlich die mit Arbeit beherrschende Hand, und sei es die Hand an der Giftspritze. Arbeit bedeutet, genau betrachtet, nichts anderes als den Einsatz menschlicher Energie und Geschicklichkeit, um einen »Naturzustand« herzustellen und zu erhalten, der menschlichen Bedürfnissen entspricht und den es in der näheren, unbearbeiteten Natur so nicht gibt.

Seit Jahrtausenden sind Gärten ein Beweis dafür, dass ein solcher nützlicher, schöner, wohltuender Naturzustand gemäß menschlichen Vorstellungen unweigerlich »gegen« natürliche Kräfte, Prozesse, Bewegungen behauptet werden muss. Ein Garten, aus dem die Arbeit verschwindet, wird nach einiger Zeit wieder vollständig »von der Natur vereinnahmt«. Der französische Gartengestalter Gilles Clément hat Grundsätze für einen »planetarischen Garten« entworfen, aus dem das unablässige Tätigsein der Natur, die außerhalb des Zauns webt und lebt, nicht ganz ausgesperrt sein soll – der Eintrag von Samen durch Wind und Regen und Tiere, das Hineinwachsen von um sich greifenden und wuchernden Pflanzen, das Begünstigen oder Zurückdrängen der angelegten Arrangements durch innewohnende oder von außen einwirkende Kräfte. Aber auch ein planetarischer Garten bleibt ein Garten nur dann, wenn jemand immer wieder arbeitend, regulierend, arrangierend eingreift.

Allerdings stellt Cléments Vision von planetarischen Gärten eine Provokation für die übliche und die oft bis zum Exzess betriebene Kultur des »beherrschten Gartens« dar. Das Gegenbild zu Cléments Ideal – das vielen als Proklamation der Verwilderung erscheinen mag – kennen wir alle: der »gepflegte Garten«, in dessen leider verbreiteter Version die Rasenkanten akkurat abgestochen sind und in dem jedes unerwünschte Pflänzchen aus dem geschorenen Gras wie ebenso aus dem nackten, geharkten Boden der Beete rigoros getilgt wird; in dem Büsche und Hecken sorgfältig und oft gewalttätig beschnitten werden; in dem Stauden ohne Rücksicht auf ihre Licht- und Bodendürfnisse, ihre Wuchsstärken und ihre Benachbarungen nach Gutdünken des hübschen Arrangements eingepflanzt und allzu oft nach der Blüte entsorgt werden; in dem eine modische Möblierung und Flächengestaltung den Garten zur Freiluft-Fortsetzung des Wohnzimmers macht, das selbstverständlich »sauber« zu halten ist.


In Teil II wird Ludwig Fischer interessante Beispiele dafür liefern, dass wir die Natur zwar niemals aussperren können, (auch dem Kontrollversessensten wird das nicht gelingen), es aber durch aufmerksames Beobachten, kluge Pflanzenwahl und manchmal sogar bewusstes Nicht-Eingreifen sehr wohl möglich ist, sich mit willensstarken »Mitgestaltern« wie Giersch oder Schachtelhalm ganz ohne Leid zu arrangieren. Auch Giersch findet zuweilen seinen Meister – und gibt uns die Chance zu lernen, dass ein veränderter Blickwinkel hilft, ihn neu zu betrachten.

 

*Wir danken dem Verlag Carl Hanser für die freundliche Genehmigung, das Gedicht von Jan Wagner abzudrucken.



Ludwig Fischer
Garten und Literatur Bis Ende 2017 berichtete Ludwig Fischer aus seinem großen Kräuter-Schaugarten in Benkel nahe Bremen, von dem er Abschied nahm, um sich von nun an stärker aufs Schreiben zu konzentrieren.
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Text: Ludwig Fischer
Fotos: Ludwig Fischer und Staudengärtnerei Gaißmayer
Gedicht (Giersch) von Jan Wagner mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags