Bei unseren britischen Nachbarn wäre Weihnachten ohne Ilex aquifolium schlicht undenkbar – und mehr noch, hätten Sie's gewusst: Der wirkmächtige Zauberstab des jungen Zauberers Harry Potter war aus seinem Holz gefertigt. Hinter dem botanischen Namen verbirgt sich die Europäische Stechpalme, auch unter dem Namen »Hülse« bekannt, wodurch etwa Orte wie Hülsede oder der Geburtsort der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff zu ihren Namen kamen. Wegen ihrer stachelig gezahnten Blätter kennt man Ilex aquifolium in der Eifel und im Hunsrück als Walddistel, während die Pflanze bei unseren österreichischen Nachbarn als Schralab, Schradl oder Schradlbaum bekannt ist – sie ist dort wegen ihrer dornigen Blätter, den »Schradln«, also nächtlichen Teufeln, verhasst. Die Briten sind da deutlich positiver gestimmt, sie kennen den Baum als »holly« – und für sie muss der Griff ihrer Teekannen unbedingt aus Stechpalmenholz gedrechselt sein! Die Bezeichnung »Holly« war übrigens auch namengebend für »Hollywood«, die Traumfabrik des amerikanischen Kinos.

In unseren Breiten gibt es nur wenige Gehölze mit immergrünem Laub und so verwundert es nicht, dass die Stechpalme bei Germanen, Kelten und Angelsachsen in hohem Ansehen stand – ähnlich wie die Mistel oder die Eiche. Der keltische »Winterkönig« trug eine Krone aus Stechpalmenzweigen, der »Sommerkönig« hingegen eine Krone aus Eichenlaub. Bei den Festen im Winter schmückten unsere Ahnen die Häuser mit Stechpalmenzweigen, ein Brauch, der sich in Großbritannien bis heute gehalten hat. Dort und in den USA verschenkt man zudem noch immer zu Weihnachten Ilex-Zweige als Zeichen der Freundschaft. Gerade in der dunklen Jahreszeit galt er mit seinen ledrigen, dornenartig gezähnten Blättern und den leuchtend roten Beeren als Symbol des Glücks und der Hoffnung auf Neubeginn. In Wäldern bilden Stechpalmen am geeigneten Standort oft nahezu undurchdringliche Dickichte, in denen die Menschen in früheren Zeiten Zuflucht vor Räubern oder kriegerischen Auseinandersetzungen suchten. Und so wurde der Ilex auch zum Symbol des Schutzes vor allem Bösen. Im Christentum benutzte man hierzulande einst Ilex-Zweige als Ersatz für echte Palmwedel, um bei den Prozessionen am Palmsonntag des Einzugs Jesu in Jerusalem zu gedenken. Daher trägt die Stechpalme in ihrem Volksnamen das Anhängsel »Palme«.

Aber auch zu anderen Dingen ließ sich der Ilex verwenden. So banden unsere Vorfahren mehrere Zweige zu einem dicken Bündel zusammen, befestigten dieses an einem Seil und reinigten damit Schornsteine von Ruß. Den Vögeln dienen die roten Beeren im Winter als willkommene Nahrung; Mensch, Hund und Katze sollten jedoch unbedingt die Finger und Pfoten von ihnen lassen, denn die Beeren verursachen Brechreiz und Durchfälle. Da machen wir es doch lieber den Briten nach und verwenden die Zweige für adventliche oder weihnachtliche Dekorationen. Doch nehme man Zweige aus dem Blumenladen und nicht direkt aus dem Wald, denn der Ilex steht unter Naturschutz. Wer mag, stimme sich beim Schmücken des Hauses mit dem alten englischen Lied ein: »Deck the Hall with boughs of holly«!

Antje Peters-Reimann
Antje Peters-Reimann ist Gartenhistorikerin und Journalistin in Essen. Sie hat sich der Geschichte der Gartenkunst verschrieben und berichtet berichtet über bekannte und unbekannte Gärten und ihre Schöpfer und erzählt spannende „grüne Geschichten“!...
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Text und Fotos: Antje Peters-Reimann