Soll ich oder soll ich nicht?

Wie soll man es mit dem herbstlichen Rückschnitt von Stauden halten? Gibt es den ultimativen Rat, wie viel oder auch wie wenig Handanlegen am sinnvollsten ist? Ganz so einfach ist es wohl nicht, denn ein Stück weit ist das den persönlichen Vorlieben überlassen. Schätzt es doch der Eine perfekt aufgeräumt, die Andere überlässt den Garten im Herbst entspannt der Natur. Und wie so oft liegt auch hier der Königsweg eher zwischen den Extremen.

Kein Garten wird Schaden nehmen, wenn wir ihn im Herbst ohne Eingriffe sich selbst überlassen. Tatsächlich profitieren die wenigsten Stauden oder gar Gräser von einem Schnitt vor dem Winter. Wie immer bestätigen allerdings Ausnahmen die Regel. Man sollte aber vor Augen haben, dass sich der Frühjahrsputz recht aufwändig gestaltet, wenn im Herbst nirgends Hand angelegt wurde.

Das radikale herbstliche Ausräumen des Gartens ist jedoch im Interesse einer attraktiven Winterkulisse und der Bedürfnisse vieler Pflanzen und Tiere keine empfehlenswerte Maßnahme. Denn natürlich ist das Vorgehen der Wahl meist auch eine ästhetische Entscheidung. Die gute Nachricht: Auch wer einen perfekt aufgeräumten Garten schätzt, muss auf reizvolle Winterkulissen nicht verzichten.

Wir dürfen bleiben

Alle bis zum Frühjahr ihre Statur bewahrenden Stauden, besonders Gräser (auch sie gehören botanisch zu den Stauden), haben uns sogar in der kalten Jahreszeit etwas zu bieten. Gestalt und Samenstände sorgen, mit Glück hin und wieder überzuckert von Raureif, für willkommene Struktur im Beet. Zudem sind die meisten Pflanzen ungeschnitten besser vor Frost und Kälte geschützt – und viele Insekten nutzen sie dankbar als Überwinterungsquartier. Daheimgebliebene Vögel freuen sich ebenfalls, denn die Samenstände vieler Stauden liefern energiereiche Mahlzeiten. Wo allerdings unerwünschte oder gar invasive Aussaat zu erwarten ist, empfiehlt sich dann doch ein zeitiges Entfernen vor der Samenreife. Wer sich zum Beispiel Wildstauden wie den farbintensiven und anspruchslosen Natternkopf (Echium vulgare) oder den imposanten Traubigen oder Echten Alant (Inula racemosa oder Helenium) in den Garten holt, wird bei aller Schönheit dieser prächtigen Pflanzen über Hundertschaften von Nachkommen nicht erfreut sein, zumal die »Kindlein« recht schnell impertinent tief wurzeln und sich dafür gern mitten in benachbarten Stauden ansiedeln, wo sie schwer zu entfernen sind.

(Fast) alle Gräser bereichern den winterlichen Garten sehr und sollten erst im Frühjahr geschnitten werden. Früh austreibende Arten wie die Sorten des beliebten Reitgrases (Calamagrostis acutiflora) schneidet man am besten im zeitigen Frühjahr vor dem Austrieb – bis dahin werden sie ihre Statur behalten. Auch Chinaschilfe (Miscanthus), Lampenputzergräser (Pennisetum) und Rutenhirsen (Panicum) sorgen für schöne Winterbilder. Besonders Chinaschilfe danken es uns, wenn die schützenden Halme möglichst lange an der Pflanze bleiben. Bindet man große Gräserhorste im Spätherbst mit einem stabilen Bindfaden in Kniehöhe zusammen, werden sie von Winterstürmen nicht zerrupft und können sich nicht im Garten verstreuen. Im Frühjahr vor dem Austrieb kann man sie dann bequem in einem Ruck an der Basis abschneiden. Der ideale Monat dafür ist der März, später sollte es nicht werden. Am besten geht das mit einer elektrischen Heckenschere, aber auch eine Säge leistet effektive Dienste. Wer so verfährt, verhindert außerdem, dass sich im Winter Nässe im Gräserhorst sammeln kann, die beim sonst sehr robusten Chinaschilf Fäulnis verursachen und erhebliche Schäden anrichten könnte.

Wenn im Frühjahr größere Mengen Schnittgut anfallen, greifen viele Gärtnerinnen und Gärtner zum Häcksler. Wenn irgend möglich, sollte das Schnittgut vorher einige Tage aufbewahrt werden, damit die darin überwinternden Insekten in Ruhe ihr schützendes Quartier verlassen können und nicht dem Schredder zum Opfer fallen müssen.

Eine Ausnahme bilden die attraktiven Sorten der Hohen Pfeifengräser (Molinia arundinacea). Da sie meist schon nach dem ersten Frost darniederliegen, sollten sie möglichst zu Beginn des Winters bodennah zurückgeschnitten werden. Schade wäre es allerdings, diese Arbeit zu früh zu erledigen, dann würde man sich um den Genuss des herrlich leuchtenden Herbstlaubes bringen.

Wir werden besser im Herbst geschnitten

Besonders Stauden, die sich während ihrer Blüte sehr verausgaben, leben länger und entwickeln sich deutlich vitaler, wenn sie im Herbst geschnitten werden. So erspart man ihnen, Energie für die Samenproduktion aufbringen zu müssen. Wenig bekannt ist, dass dies auch für die Sorten der beliebten Sonnenbraut (Helenium) gilt. Bei kurzlebigen Arten wie Stockrosen (Alcea), Kokardenblumen (Gaillardia), Mädchenaugen (Coreopsis) und vielen mehr wirkt sich ein früher Herbstschnitt lebensverlängernd aus.

Alle Stauden, die unschön in sich zusammenfallen, besonders Großstauden wie die mit verwirrend vielen botanischen Namen geführte 'Johanniswolke', ein Knöterichgewächs, oder »weiche« Stauden wie Funkien, können (müssen aber nicht) im Herbst unter die Schere kommen. Ausnahme ist die Wieseniris (Iris sibirica). Sie schätzt einen Schnitt im Vorfrühling, kurz bevor sich der neue Austrieb regt. Für Elfenblumen (Epimedium) und Lenzrosen (Helleborus) ist der Spätwinter aufgrund ihrer frühen Blütenpracht der optimale Zeitpunkt, das alte Laub zu entfernen.

Wachen Auges sollte man im Herbst nach kränklichen Stauden Ausschau halten und alles Schwache und Ungesunde bodeneben entfernen.

Wir leuchten im Winter

Eine große Bereicherung im winterlichen Garten sind farbige Rinden von Gehölzen. Schön, dass sich die Gestaltung von »Winter-Gärten«, in England schon seit etlichen Jahren ein beliebtes Thema und Ausflugsziel gartenaffiner Briten, auch hierzulande entwickelt. Es stehen uns eine Vielzahl von Bäumen, Sträuchern und durchaus auch Stauden zur Verfügung, die mit ihren attraktiven Rinden, Ästen und Blättern weithin leuchtende Akzente im winterlichen Garten setzen. Während die Baumrinden etlicher Gehölze mit den Jahren immer dekorativer ausfärben, sorgen bei Sträuchern meist nur die sehr jungen, ein- bis zweijährigen Triebe, da im Winter unbelaubt, für spektakuläre Effekte. Ein behutsamer jährlicher Auslichtungsschnitt älterer Äste regt das Wachstum neuer Triebe an und sorgt so für ein dauerhaftes Leuchtfeuer in der dunklen Jahreszeit. So attraktiv wie unkompliziert gelingt das beispielsweise mit den vielen robusten buntrindigen Hartriegel-Sorten. Hinzu gesellen sich Frühestblüher wie Schneeglöckchen (Galanthus) und Winterling (Eranthis hyemalis), um nur die bekanntesten zu nennen – und natürlich die Farben, Texturen und Strukturen wintergrüner Stauden, Farne und Gräser.

Angelika Traub
Aus dem Forsthaus | Angelika Traub betreut Redaktion und Lektorat unseres Gartenmagazins. Sie lebt und gärtnert am Rande des Sollings. Im großen Landschaftsgarten mit seinen weitläufigen Staudenpflanzungen und vielen besonderen Gehölzen kann sie ihrer...
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Text: Angelika Traub

Fotos: Angelika Traub und Staudengärtnerei Gaißmayer