Bepflanzte Schuhe – ein Gag oder einfach nur Kitsch?

Wann und wo ich sie zum ersten Mal gesehen habe, die mit Dachwurzen bepflanzten Schuhe, und ob sie mich inspirierten, das Gleiche zu tun, weiß ich nicht mehr. Und so selten ist dieser Gag ja nun auch wieder nicht. Sowohl in England als auch hierzulande sah ich solche Schuhe, aus denen Semperviven oder Sedumpolster nur so herausquollen, schon mehrmals. Manche Besucher dieser Gärten, in denen ein paar bepflanzte Schuhe standen, stießen Laute der Verwunderung oder sogar des Entzückens aus – »wie süß!«, »wie originell!«. Andere fanden, das sei einfach nur Kitsch.

Geadelte Schuhe
Dabei sind diese bepflanzten Schuhe geadelt, durch keinen Geringeren als Karl Foerster, Pionier der Staudenzüchtung, Gartenschriftsteller, Gartenphilosoph. Selbst 50 Jahre nach seinem Tod steht noch immer ein mit Donnerwurzen bepflanztes Paar Schuhe vor der Tür seines Hauses in Bornim bei Potsdam. Das Haus sowie der davor liegende Senkgarten, der Garten der sieben Jahreszeiten an der Rückseite stehen unter Denkmalschutz, und wie es scheint, die bepflanzten Schuhe ebenso. Sicher wurden sie im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal neu bepflanzt oder sogar ganz erneuert, wer weiß. Dennoch, wer einmal in dieses Haus in Bornim gesehen hat, möchte auch diese bepflanzten Schuhe nicht missen. – Ein Kulturbanause, wer darin Kitsch erkennen will!

Zu Hundert Prozent sicher
Mag sein, dass mich diese Schuhe inspirierten, das Gleiche zu tun. Doch während es sich bei den Schuhen an der Tür des Foerster-Hauses um ein ehemals modisches Paar handelt, bepflanze ich meine ausgedienten Arbeitsschuhe. Ich trage sie lieber als Gummistiefel, in denen man im Sommer nur schwitzt und im Winter kalte Füße bekommt. Ich trage richtige, lederne Arbeitsschuhe, Sicherheitsschuhe mit eingearbeiteten Stahlkappen, und Stahleinlagen in den Sohlen, so wie sie auch von der gartenbaulichen Berufsgenossenschaft anerkannt werden. Und da ich meine Arbeitsschuhe heute nicht mehr so stark beanspruche wie einst in meinen jungen Gärtnerjahren, in denen ich täglich acht Stunden und mehr darin auf den Beinen war, erfüllen meine jetzigen Arbeitsschuhe viele Jahre lang ihren Zweck. Sie sind im Allgemeinen wasserdicht, selbst bei nachlässiger oder ausbleibender Pflege. Ich trage sie, bis sie als Schuhwerk nicht mehr zu retten sind. Wenn ich darin nasse Füße bekomme, weiß ich, dass bald ein neues Paar fällig ist. Aber bis dahin vergehen viele lange Jahre.

Aus dem vorigen Jahrtausend
Gerade in diesem Frühjahr habe ich mir (selbstverständlich mit Gesichtsmaske !) neue Arbeitsschuhe gekauft. Die alten trug ich mindestens zehn Jahre. Ich füllte sie zunächst mit Gesteinssplitt, dann mischte ich etwas lehmige Gartenerde mit Splitt und Sand, füllte diese Mischung bis unter den Rand ein, klopfte die Schuhe ein paar Mal auf, damit sich das Ganze etwas setzt und pflanzte kleine Ableger meiner Semperviven dort hinein. Schließlich stellte ich diese Schuhe zu dem älteren bepflanzten Paar, das möglicherweise noch aus dem vorigen Jahrtausend stammt. Bei diesem haben sich im Lauf der Jahrzehnte die Schuhsohlen gelöst, und die hohe Qualität dieser Arbeitsschuhe wird in Gestalt der nunmehr freigelegten Stahleinlage sichtbar. Den so entstandenen Hohlraum könnte ich natürlich auch bepflanzen, aber das würde vielleicht den historischen Wert dieser Schuhe zu sehr mindern – nein, ich lasse sie lieber so, wie sie jetzt sind. Und ich denke, der Zahn der Zeit wird noch lange an ihnen zu nagen haben ...

Wolfram Franke
aus Vaterstetten Handfeste Gartenarbeit und Schreiben, sowohl mit grüner Tinte als auch mit dem Computer, gehören für Wolfram Franke zusammen. Seinen seit 1994 gewachsenen Kreativgarten in Vaterstetten hat er mit alten Baustoffen gestaltet.
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Text und Fotos: Wolfram Franke